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Verantwortlich
für Texte (ausgenommen den Beitrag von Irmgard Schmidt), Recherchen
und Gestaltung: Klaus Bäumler. Alle Beiträge geben die
persönliche Meinung der Verfasser wieder.
Der
Todesmarsch aus dem Konzentrationslager Dachau im April 1945
Bericht der Zeitzeugin Irmgard Schmidt, aufgeschrieben im Jahr 2004.
Das
KZ Auschwitz sollte im Januar 1945 wegen des Vormarsches der Sowjettruppen
geräumt werden. Am 18. Januar 1945 mußten über 60.000
Insassen das KZ Auschwitz und seine Nebenlager verlassen. Auf dem
Todesmarsch nach Wodzislaw (Loslau) starben mindestens 15.000 Häftlinge.
Die Überlebenden dieses Marsches wurden von Loslau aus in Güterzügen
unter unsäglichen Bedingungen in die Lager Buchenwald, Mauthausen
und Dachau transportiert.
Im
KZ Dachau begann die Evakuierung am Donnerstag, 26. April 1945 Richtung
Ötztal in Tirol. Nachts zwischen 21- und 22 Uhr verließen
etwa 7000 Häftlinge das KZ Dachau, eingeteilt in sechs Marschkolonnen.
Die Bewacher hatten scharfe Hunde dabei. Nicht mehr gehfähige
Häftlinge waren zu erschießen. Jeder Ansatz von Flucht
zu verhindern; jede Hilfeleistung durch die Bevölkerung zu
unterbinden. Der Marsch ging über Karlsfeld, Allach, Pasing,
Mühltal, Münsing, Wolfratshausen nach Königsdorf.
Die Überlebenden des Todesmarsches wurden am 2. Mai 1945 in
Waakirchen von amerikanischen Truppen versorgt.
Siebzehn Mahnmale, in den Jahren 1989 bis 1998 nach dem Entwurf
des Bildhauers Hubertus von Pilgrim errichtet, rufen diesen Leidensweg
in Erinnerung.. Zwei dieser Mahnmale stehen in München (Allach,
Eversbuschstraße 134, Pasing: Kaflerstraße).
Irmgard Schmidt (Mitglied im Bezirksausschuß Maxvorstadt)
war im April 1945 in Pasing Augenzeugin des Todesmarschs und erinnert
sich:
Im
April 1945 bin ich dem Zug der Häftlinge aus Dachau begegnet,
als sie durch die Pippinger Straße in München-Pasing
in Richtung Würmtal getrieben worden sind.
Es ist schwer von diesem Erlebnis zu berichten. Meine Scheu ist
groß, weil ich mir die Erinnerung an dieses schreckliche Geschehen
nur mühsam wieder ins Bewusstsein holen kann. Bei der Begegnung
mit dem Zug war ich allein. Das heißt, dass ich das, was in
mir aufsteigt mit niemandem überprüfen kann. Ich kann
hier nur aufschreiben, was meine Erinnerung frei gibt, was ich meine
zu erinnern.
Bis in die neunziger Jahre habe ich nicht mehr an das Ereignis von
damals gedacht. Es war vollkommen aus meinem Gedächtnis verschwunden.
Wir lebten in der Gegenwart, ich bewältigte mein tägliches
Leben mehr oder weniger, blickte nicht zurück und auch nicht
immer ausreichend nach vorne in die Zukunft. Jeder Tag hatte seine
eigene Plage und auch seine Freuden.
Bis ich eines Tages - etwa 50 Jahre nach diesem Geschehen - in Pasing
vor der Post am Bahnhofsplatz auf den Bus wartete um einen Besuch
in Lochham zu machen. Ich ließ meinem Blick über diesen
Platz meiner alten Heimat gehen. (Ich bin in der Villenkolonie 2
in Pasing aufgewachsen)
Da sah ich auf der kleinen grünen Verkehrsinsel gegenüber
der Bushaltestelle einen Zementsockel auf dem einige Bronzefiguren
zu sehen waren. Ich ging hinüber und sah, dass es sich um die
Darstellung von einigen männlichen Figuren handelte, die gebeugten
Schrittes, fast aufeinander fallend und fast ohne erkennbare Gesichter
gemeinsam einen Weg gingen. "Zum Gedenken an den Leidensweg
der Häftlinge aus dem Konzentrationslager in Dachau, der hier
mit unbekanntem Ziel vorbeiführte" steht auf der Gedenktafel.
Und
plötzlich sah ich ihn vor Augen, den wirklichen Zug von damals,
wie ich ihn erlebt hatte. Und ich wusste es: der Zug aus Dachau,
dem ich an einem Vormittag im April 1945 begegnet bin.
Wir
hatten 1945 bis in die ersten Maitage noch Schule und mein Schulweg
führte über die Pippinger Straße von der Villenkolonie
2 in die Villenkolonie l in der unsere Schule lag.
Bei einem der letzten Luftangriffe auf München - ich meine
es war der 26.4. 1945 gewesen - war das Haus, in das ich bei Fliegerangriffen
gehen musste, durch eine Luftmine völlig zerstört worden.
Das Eckchen Keller, in dem ich mit der Familie einer Schulfreundin
saß hielt stand und wir blieben am Leben und unversehrt. Ich
erinnere mich, dass dieses Gefühl des Bewahrt-Seins mich die
ganzen letzten Tage des Krieges vor dem 8. Mai begleitet hatte.
Es war eine große Dankbarkeit in mir dafür, dass ich
noch da war und die Empfindung, für eine mir noch unbekannte
Aufgabe behütet worden zu sein.
Ich
war 16 Jahre alt und mitten in den Trümmern spürte ich
die Kraft meiner Jugend und freute mich über den Frühling,
der in diesen Tagen aufbrach. Und irgendwie spürten wir damals,
dass der Krieg zu Ende ging und damit auch der Alptraum der Diktatur
der Nazis, das Verdikt zu sprechen, offen zu sein. "Sei still,
sonst kommst nach Dachau...." würde dann ein Ende haben.
Aber noch war es nicht so weit.
Und so ging ich an einem der letzten Tage im April zur Schule. Als
ich an die Pippinger Straße kam, die ich überqueren musste,
ging ein langer Zug von Männern in Sträflingskleidern
auf der Straße vorbei, füllte sie ganz aus. Unendlich
müde schleppten sie sich dahin, teilweise mit gesenkten Köpfen,
gestützt manchmal von einem Mithäftling, ohne nach rechts
oder links zu schauen. Mir schoss durch den Kopf : das ist Dachau,
so ist es also wovon wir gehört, aber keine Vorstellung hatten.
Ist der Krieg zu Ende ? Aber wo gehen sie denn hin ? Dachau war
mitten unter uns, auf der Pippinger Straße unterwegs. Kommt
Dachau jetzt zu uns? Sind wir jetzt alle Teil von Dachau? Ich kann
diese Gedanken nicht mehr genau fassen und nicht dafür garantieren,
dass ich sie wörtlich so gedacht habe. Aber ich erinnere deutlich
das namenlose Entsetzen, das mich packte, als ich diese Menschen
vorbeigehen sah, so mit letzter Kraft und ohne Ziel.
Erstarrt und entsetzt stand ich da. Das habe ich nicht gewusst,
dass es möglich ist, Menschen so zu reduzieren zu bloßen
Schattengestalten. Nie zuvor habe ich eine solche Vernichtung von
menschlichem Sein wahrgenommen. Ich kann mich nicht an irgendwelches
Bewachungspersonal, sei es der SS oder der Wehrmacht, erinnern.
Möglicherweise habe ich sie einfach nicht wahrgenommen, weil
mich der Schrecken so vollkommen ausgefüllt hat.
Ich weiß nicht, wie lange ich gestanden bin. Schließlich
merkte ich, dass der Zug gar kein Ende nahm, bis Blutenburg, wohin
ich schauen konnte dasselbe Bild. Auf die Idee zurück zu laufen,
nach Hause kam ich nicht. Ich musste in die Schule und dazu auf
die andere Seite der Straße. Also bin ich in das Entsetzliche
hinein gegangen - mit welchem Mut eigentlich frage ich mich heute.
Und dann geschah etwas für die damalige Zeit fürchterlich
Verbotenes : zwei oder drei streckten die Hände aus und ich
die meinen. Eine zaghafte Begegnung, nur für einen kurzen Moment
und dann schoben mich diese Hände vorsichtig aus dem Zug hinaus
auf die andere Straßenseite.
Die Strecke bis zu meiner Schule bin ich gelaufen, nur weg von dieser
Straße. Atemlos kam ich in der Schule an. Was mich in diesen
Minuten bewegt hat an Gedanken oder Gefühlen weiß ich
heute nicht mehr. Eine Mitschülerin erinnert sich, dass ich
wohl gestammelt haben muss " Dachau geht da drüben vorbei
- warum haben sie uns das nicht gesagt?" Wir hatten Geschichtsstunde,
bekamen keine Antwort als wir diese Frage stellten. Dieselbe Mitschülerin
erinnert sich, dass die Lehrerin tagelang die Klasse nicht mehr
betreten hat.
Zunächst sollten wir im Unterrichtsstoff fortfahren: Kaiser
des Heiligen Römischen Reichs. Auch zu Hause konnte ich das
Erlebte nicht erzählen, keine Antwort finden auf mein Entsetzen.
Es war zu gefährlich, darüber zu sprechen. Also haben
sie es doch gewusst? Ich war eingeschlossen in eine Mauer von Sprachlosigkeit,
von der Notwendigkeit, zu vergessen, zu schweigen. Ich muss wohl
geweint haben, als ich schließlich zu Hause war. Aber ich
bin ohne Trost geblieben.
Was mir blieb war nur das Vergessen, besser gesagt das Verdrängen
dieser Begegnung, bis das Denkmal gegenüber der Post in Pasing
mir die späte Erinnerung ermöglichte.
So
hat es einen guten Sinn, dass diese Gestalten in Bronze gestaltet
worden sind und jetzt an mehreren Orten im Würmtal stehen.
Ob sie auch noch andere Erinnerungen zu wecken in der Lage sind
? Denn das Erinnern ist unsere unabschließbare Aufgabe. Ich
weiß nicht, was dieses Erlebnis in meiner Seele für Spuren
hinterlassen hat. Wir waren eine in den wichtigen Jugendjahren allein
gelassene junge Generation. Zuerst sind sie, unsere Eltern, Großeltern
und Lehrer, uns die Antwort schuldig geblieben auf lebenswichtige
Fragen und dann haben siedas Vergessen gefördert. Ich sage
das ohne Vorwurf. Sie haben es nicht besser gekonnt. .
Wie gut aber wäre es gewesen, wenn wir hätten eine Sprache
finden können für die erlebten und endlich erfahrenen
Ungeheuerlichkeiten des Nationalsozialismus. Wenn wir das nachholen
finden wir vielleicht zu ganz neuen Visionen für die Zukunft
und was wir aus der Freiheit, die wir seit 60 Jahren genießen
machen können.
Wenn wir das Erinnern miteinander teilen, solange es uns noch gibt.
(Irmgard Schmidt)
Zeitgeschichtliche
Erinnerungsarbeit
im Karl-Amadeus-Hartmann- Jahr 2005.
"Klaviersonate 27. April 1945"
Der
Münchner Komponist Karl Amadeus Hartmann (2.8.1905-5.12.1963)
ist vor allem als Begründer der Musica Viva Konzerte bekannt.
Sein musikalisches Werk ist geprägt von den Erlebnissen im
"Dritten Reich". Viele seiner Werke verstand Hartmann
als persönliche Stellungnahme gegen Verfolgung und Unterdrückung.
Sein erstes Orchesterwerk Miserae widmete er den Häftlingen
des KZ Dachau.
Karl
Amadeus Hartmann wurde am 27. April 1945 in Kempfenhausen am Starnberger
See Augenzeuge des Todesmarschs der Häftlinge aus Dachau. Unter
diesem Eindruck schuf er die Sonate "27. April 1945" für
Klavier. In einem Vorwort hierzu schreibt Hartmann:
Am 27. und 28. April 1945 schleppte sich ein Menschenstrom von 20.000
Dachauer Schutzhäftlingen an uns vorüber.
Unendlich war der Strom / Unendlich war das Elend / Unendlich war
das Leid.
Die Sonate legt Zeugnis ab von Hartmanns tief empfundener Humanität,
seinem menschlichen Engagement und seiner Anteilnahme an dem Leid
der Opfer des Nationalsozialismus.
Karl Amadeus Hartmann wurde nicht zuletzt wegen seines Rufs als
engagierter Gegner des NS-Regimes 1945 als Dramaturg an die Bayerischen
Staatstheater berufen. Seine besondere Aufgabe war es, das Interesse
an der über 12 Jahre verfemten zeitgenössischen Musik
zu wecken. Diese Idee war der Ursprung der sog. Musica-Viva-Konzerte.
In dem von den Freunden der Residenz erbauten Theater am Brunnenhof
in der Residenz (Eröffnung 7. Mai 1946) fanden die ersten Konzerte
der Musica-Viva statt.
Notwendigkeit
der zeitgeschichtlichen Erinnerungsarbeit: 60 Jahre danach.
XX /XXI - 100 plus. Neue Kammermusik in der Pinakothek der Moderne:
"Sonate 27. April 1945" am Freitag, 15. April 2005, 18.00
Uhr.
In
der aktuellen Konzertreihe der Bayerischen Staatsoper für moderne
Kammermusik finden im Jahr 2005 vier Konzerte statt, unterstützt
von den Freunden des Nationaltheaters, im Ernst-von-Siemens-Auditorium
der Pinakothek der Moderne. Dabei soll auch des 100. Geburtstags
von Karl Amadeus Hartmann gedacht werden. So kommt am 15. April
2005 Hartmanns "Sonate 27. April 1945" durch Oliver Kern
zur Aufführung.
Im Ankündigungs-Faltblatt der Bayerischen Staatsoper (Staatsintendant
Sir Peter Jonas) ist über das Programm dieses Konzerts zu lesen:
"Kompositionen des Leides, der Trauer und des Abschieds stehen
im Mittelpunkt ... .Karl Amadeus Hartmann schrieb seine Klaviersonate
vor genau sechzig Jahren, als der Strom der aus dem KZ Dachau befreiten
Menschen durch München zog".
Als
Fakt ist festzuhalten:
Der Hintergrund der "Sonate 27. April 1945" wird trotz
des aktuellen Anlasses der Auseinandersetzung mit K. A. Hartmanns
Person und Werk im Jubiläumsjahr falsch wiedergegeben.
Der "Todesmarsch" der Dachauer KZ-Häftlinge ist den
Verfassern unbekannt und wird in völliger Verkennung des Werks
und seiner human-zeitgeschichtlichen Intention zum "Marsch
der Befreiten". Unbekannt ist den Verfassern weiter, daß
die Amerikaner erst am 30. April 1945 in München einrückten.
Damit zeigt sich wiederum, wie wichtig es ist, zeitgeschichtliche
Fakten fachübergreifend aufzubereiten und zugänglich zu
machen.
Das Internet ist hierzu eine hilfreiche Möglichkeit (vgl. http://www.schott-cms.com/nocache/kah/biographie.html
.
Es sollte den Veranstaltern dieser Konzertreihe ein Anliegen sein,
die notwendigen Berichtigungen alsbald vorzunehmen, um so der Persönlichkeit
des Komponisten und seinem Anliegen gerecht zu werden.
Neue
Publikationen zur Münchner Zeitgeschichte und darüber
hinaus.
Hinweise von Klaus Bäumler.
In
dieser Ausgabe unseres Informationsblatts "Der Maxvorstädter"
sollen neuere Publikationen zur Münchner Zeitgeschichte vorgestellt
werden. Es sind auch Veröffentlichungen darunter, die zwar
keinen spezifischen Bezug zu München haben, die aber zugleich
einen thematischen Ansatz enthalten, der für weitere Untersuchungen
in München wichtig ist.
Helga
Pfoertner: Mahnmale, Gedenkstätten, Erinnerungsorte für
die Opfer des Nationalsozialismus in München 1933 - 1945. Mit
der Geschichte leben. Band I: A-H, Band II: I-P, Band III: Q-Z.
Literareon im Herbert Utz Verlag, München-Maxvorstadt, Adalbertstr.
57 (Maxvorstadt).
Helga
Pfoertner hat mit diesem dreibändigen Werk im Gesamtumfang
von 735 Seiten ein einzigartiges Nachschlagewerk zur Münchner
Erinnerungskultur geschaffen. Wenn die Autorin einleitend im Band
III, der Ende 2004 erschienen ist, schreibt daß diese Dokumentation
einen Überblick über die bisher geschaffenen Mahnmale,
Gedenkstätten und Erinnerungsorte gibt und zugleich "diese
Aufstellung Vorarbeit für ein künftiges Nachschlagewerk
sein kann" ist sie für ihre Bescheidenheit zu loben. Denn
diese Arbeit hat sie bereits geleistet. In akribischer Recherche
vermittelt Helga Pfoertner zu jedem Erinnerungsort dem Leser eine
Fülle von Informationen zum Anlaß und Entstehung, zum
geschichtlichen Hintergrund und zur Deutung des Denkmals. Ausführlich
geht die Autorin auf die Biographie der Widerstandskämpfer
ein, zeigt politische, religiöse und weltanschauliche Motive
auf und belegt ihr Urteil mit umfassenden Literaturnachweisen. Mit
den Kurzbeschreibungen der Erinnerungsorts, den Hinweisen auf die
Künstler und die Erreichbarkeit des Aufstellortes mit öffentlichen
Verkehrsmitteln kann dieses Werk auch als thematischer Stadtführer
genutzt werden. Helga Pfoertner hat ihre Intention, "ein
Textlesebuch zu schaffen, das sich in den Kontext der ortsgebundenen
wie der allgemeinen Zeitgeschichte einfügt", nicht nur
erreicht, sondern vorbildlich realisiert.
Helga
Pfoertner zeigt auf, daß unabhängig von der Notwendigkeit
eines Dokumentationszentrums über die NS-Zeit in München,
der lokalen Erinnerungsarbeit im öffentlichen Raum eine große
Rolle zugekommen ist.
In keiner Münchner Schule, in keiner Stadtbibliothek darf diese
Publikation fehlen. Aber auch Institutionen, die mit zeitgeschichtlicher
Erinnerungsarbeit befasst sind, ist die Anschaffung dringend zu
empfehlen.
Es wäre zu wünschen, daß das von Helga Pfoertner
geschaffene Nachschlagewerk von den Trägern des künftigen
NS-Dokumentationszentrum alsbald auch für die virtuelle Nutzung
aufbereitet wird. Dies wäre eine der ersten Aufgaben der alsbald
zu berufenden Gremien (Kuratorium, wissenschaftlicher und politischer
Beirat) des NS-Dokumentationszentrums.
Zum
Beleg für die fast enzyklopädische Bandbreite allein des
dritten Bands seien hier die Stichworte "Rösch, Augustin
Pater SJ", "Scharrer, Hans", "Sinti und Roma,"
"Sozialdemokratische Partei Deutschlands", "Sperr,
Franz", "Spanier, Julius", Stein, Edith", "Todesmarsch",
"Toller, Ernst", "Wehrle, Hermann", "Wieland,
Heinrich", "Willstätter, Richard" erwähnt.
Das Wünschenswerte beschränkt sich auf Marginales. Ein
Gesamtregister der drei Bände wäre entbehrlich, wenn die
künftige Internetseite für die Suche aufbereitet wird.
Pfoertner hat die Zugehörigkeit der Erinnerungsorte zum jeweiligen
Stadtteil vermerkt. Die insoweit notwendigen Korrekturen, vor allem
zur Abgrenzung Schwabing / Maxvorstadt / Altstadt, sind problemlos
möglich.
Wolfram
Selig: "Arisierung" in München. Die Vernichtung jüdischer
Existenz 1937 - 1939. Metropol-Verlag, Berlin 2004.
1933
hatte die jüdische Gemeinde in München über 9000
Mitglieder. Anfang 1938 waren noch 1800 Gewerbetreibende jüdischer
Herkunft in München registriert.
Wieviele Betriebe in den Jahren 1933 - 1937 von Juden im Sinne der
Nürnberger Gesetze auf "Arier" übertragen wurden,
ist derzeitig immer noch nicht bekannt.
Wolfram Selig, der bis zu seiner Pensionierung im Stadtarchiv München
tätig war, hat in zehnjähriger Forschungsarbeit die sog.
Arisierung in München in den Jahren 1937 - 1939 recherchiert.
In einem Werk mit über 950 Seiten hat er nun die Ergebnisse,
beschränkt auf diese beiden Jahre, publiziert.
Für die Erinnerungsarbeit in München liegt in der Zusammenschau
mit dem Biographischen Gedenkbuch für die Münchner Juden,
herausgegeben vom Stadtarchiv München, nunmehr eine wichtige
Arbeitsgrundlage vor. Das umfassende Werk wird durch Personenregister,
Firmenregister und Straßenregister für die lokale Recherche
erschlossen. Kritisch anzumerken ist, daß die Arbeit mit dem
Firmenregister aus verschiedensten Gründen nicht ganz einfach
ist. Ein Beispiel: Die Firma Josef Rodenstock findet sich nicht
unter dem Buchstaben "R"; sie wird unter "J"
eingeordnet. Nach der Firma Uhlfelder sucht man vergeblich unter
"U", weil sie entsprechend dem Vornamen "Heinrich"
unter "H" verzeichnet ist.
Ein Desiderat bleibt derzeit noch die wissenschaftliche Aufarbeitung
der sog. Arisierungsstelle mit den Aktivitäten des "Beauftragten
des Gauleiters" Hans Wegner. Zu durchleuchten sind auch Machenschaften
der Münchner Rechtsanwälte Friedrich Andreas Kügle
II und Kurt Wolf, die sich im KZ Dachau Vollmacht zur Verwertung
jüdischen Vermögens erteilen ließen. Das Namensregister
zeigt auf, daß Kügle II und Wolf in viele "Arisierungs-Fälle"
verwickelt waren.
Macht und Gesellschaft. Männer und Frauen in der NS-Zeit. Eine
Perspektive für ein künftiges NS-Dokumentationszentrum
in München. München 2004.
Im
Juni 2004 fand zu diesem Thema im Münchner Stadtmuseum eine
Tagung statt. Vorträge und Diskussionen sind nunmehr in einer
110 Seiten starken Publikation nachzulesen. Einige der Vortragenden
(so Ulrike Haerendel, Lerke Gravenhorst und Katrin Seybold) haben
sich die Mühe gemacht, ihre Referate mit ausführlichen
Anmerkungen und Literaturverzeichnissen zu ergänzen. Damit
wird das Ziel der Veranstalter, eine Lücke in der bisherigen
Erinnerungs- und Forschungsarbeit aufzuzeigen und zugleich einen
konkreten Beitrag zur inhaltlichen Konzeption des Münchner
NS-Dokumentationszentrums zu erbringen, optimal umgesetzt. Irmgard
Schmidt, Frauenbeauftragte im Bezirksausschuß Maxvorstadt,
ist vor allem zu danken, daß sie mit großer Nachhaltigkeit
das Thema aufgegriffen, in die Arbeit des BA Maxvorstadt eingebracht
und die Idee des Symposiums realisiert hat.
Der Tagungsband kann - so lange Vorrat reicht - kostenlos in der
Stadtbücherei Maxvorstadt, Augustenstraße 92 sowie in
der Geschäftsstelle des BA Maxvorstadt, Tal 13, Tel. 22802673
abgeholt werden.
In die Gesamtschau der Rolle der Frauen in der NS-Zeit gehört
auch das Thema "Frauen in der Emigration". Hiltrud Häntzschel
hat bereits hierüber gearbeitet. Es wäre zu wünschen,
daß die Ergebnisse ihrer Forschung z.B. im "Montags-Forum"
der VHS München "München in der NS-Zeit" vorgetragen
werden.
Rolf
Sachsse: Die Erziehung zum Wegsehen. Fotografie im NS-Staat. Philo
Fine Arts 2003. ISBN 3-364-00390-4.
In
dem NS-Dokumentationszentrum München wird die zeitgeschichtliche
Fotografie eine große Rolle spielen. Dabei kommt es darauf
an, übergreifendes Wissen zu erschließen. In diesem Sinne
hat der BA Maxvorstadt beim Kulturausschuß angeregt, Rolf
Sachsse einzubeziehen. Er hat eine umfassende Geschichte der Fotografie
im NS-Staat publiziert. Das Medium Fotografie zur Durchsetzung staatlicher
und ideologischer Ziele durch das NS-Regime ist sein Thema.; ebenso
Fotografie als Mittel der breiten Kriegspropaganda, ihre Verwendung
bei Rassismus, Verfolgung und Widerstand. Dokumente und biographische
Daten zu den Fotografen erweisen sich als wertvolle Bestandteile
der Publikation.
110
Jahre München - Stadelheim. 1894 - 2004. Stadelheimer Hefte
Nr. 2, Oktober 2004.
Die
"Justizvollzugsanstalt München, Stadelheimer Straße
12" ist in ihrer Bedeutung für die Münchner Zeitgeschichte
nicht zu unterschätzen. Es ist daher sehr erfreulich, daß
durch die Initiative des derzeitigen Leiters Hans H. Moser dieser
geschichtliche Abriß vorgelegt wurde. Ausgestattet mit Bildern
und Dokumenten sind z.B. die Kapitel "Auswirkungen der Räterepublik
auf die Strafanstalt Stadelheim", "Das Strafgefängnis
Stadelheim zwischen 1933 und 1945", "Luftangriffe auf
das Gefängnis Stadelheim" mit vielen sonst schwer recherchierbaren
Fakten aus dem hauseigenen Archiv angereichert. Eingehend dargestellt
ist auch das Kriegsende in Stadelheim. Noch am 29. April 1945 sollten
auf Anordnung des Volksgerichtshofs, der zu dieser Zeit in Stadelheim
Sitzungen abhielt, Hinrichtungen vorgenommen werden. Durch den Widerstand
der Beamten konnten die Verurteilten vor der Hinrichtung bewahrt
werden.
Das Heft umfasst 63 Seiten und ist zu beziehen über die JVA
Stadelheim. Die Schutzgebühr beträgt 3 Euro.
Irene
Stuiber und Jürgen Zarusky: Hingerichtet in München -
Stadelheim. München 2004.
Im
Jahr 1954 wurden auf Beschluß des Münchner Stadtrats
die sterblichen Überreste von 95 Opfern des NS-Regimes, die
in den Jahren 1942-1945 in Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet
worden waren, aus Reihengräbern im Friedhof am Perlacher Forst
in ein Sammelgrab umgebettet. Es erhielt die Bezeichnung "Sammelgrab
II, KZ Ehrenhain II". Es waren Männer aus Deutschland,
Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Auch Hans Leipelt
hatte hier seine letzte Ruhestätte gefunden. Erst am 18. Juli
1996, zu Leipelts 75. Geburtstag, wurde ein Grabstein errichtet,
der die Namen aller dort Bestatteten trägt. Marie-Luise Schultze-Jahn
hatte sich dafür eingesetzt, daß die Toten aus der Anonymität
zurückgeholt wurden.
Irene Stuiber und Jürgen Zarusky haben nunmehr eine biographische
Dokumentation der Toten des sog. Sammelgrabs II vorgelegt. Zugleich
erhält der Leser einen Überblick über Widerstand
und Verfolgung in Deutschland, Österreich, Tschechoslowakei
und Polen.
Die sorgfältig mit den Fundstellen der Dokumente editierte
Broschüre umfaßt 87 Seiten und ist auch über das
Kulturreferat der LHSt München zu beziehen.
Hermann
Düringer / Hartmut Schmidt (Hrsg.): Kirche und ihr Umgang mit
Christen jüdischer Herkunft während der NS-Zeit - dem
Vergessen ein Ende machen. Bd. 130 der Arnoldshainer Texte. Frankfurt
2004. 176 Seiten. Euro 22,00. ISBN 3-89846-314-1.
Die
Ausgabe unseres Informationsblattes "Der Maxvorstädter"
zum 9. November 2003, dem Tag der Grundsteinlegung des Jüdischen
Zentrums am St. Jakobsplatz, befaßte mit dem Schicksal von
Elisabeth Braun. Am 20. Novemer 1941 wurde sie mit der ersten Deportation
nach Kaunas in Litauen verschleppt und dort ermordet. Zusammen mit
ihr wurden tausend Münchner Bürgerinnen und Bürger,
die überwiegend der Israelitischen Kultusgemeinde angehörten,
ermordet. Es waren aber auch evangelische und katholische Christen
jüdischer Herkunft. Zu ihnen gehörte Elisabeth Braun,
die schon früh zum evangelischen Glauben konvertiert war.
"Evangelische Kirchen in Deutschland haben während der
nationalsozialistischen Herrschaft eigene Mitglieder, so genannte
Christen nichtarischer Herkunft, der ... Verfolgung und Vernichtung
schutzlos preisgegeben.... Einige Landeskirchen haben die Thematik
in der Zwischenzeit aufgegriffen und begonnen, die Geschichte dieser
vergessenen Kinder der Kirche' zu erforschen". Dies konstatiert
Hermann Düringer. Leiter der Evangelischen Akademie Arnoldshain
in seinem Vorwort zu einem Tagungsband, der die Vorträge eines
Symposiums im Juni 2004 dokumentiert.
Es ist zu hoffen, daß die Initiatoren dieser Veranstaltung
ihr Ziel erreichen, nämlich ein Forschungsprojekt der Landeskirchen
Hessen - Nassau auf den Weg zu bringen. Vorbild kann das bereits
angelaufene Forschungsprojekt der hannoverschen Landeskirche sein.
Auch für Bayern und München ist ein solches Forschungsprojekt
überfällig. Exemplarisch für das Schicksal einer
evangelischen Christin jüdischer Herkunft steht die Biografie
von Elisabeth Braun, die 1934 das Hildebrand-Haus erworben hat und
es mit ihrem gesamten Vermögen 1940 - vor ihrer Deportation
- testamentarisch der Landeskirche vermachte. Auf Grund der Recherchen
von Pfarrer Ernst Ludwig Schmidt, Erlangen und Klaus Bäumler
haben Landeskirche und Stadt München gemeinsam nun einen Forschungsauftrag
zum zeitgeschichtlichen Aspekt des Hildebrand-Hauses und der Biographie
Elisabeth Brauns erteilt.
Aber auch in München und in Bayern sollte die Evangelische
Landeskirche über das Einzelschicksal von Elisabeth Braun hinaus
"dem Vergessen ein Ende machen" und sich der Vergangenheit
stellen.
Karl
Barth, Briefe des Jahres 1933. Hg. von Eberhard Busch, Bartolt Haase
und Barbara Schenck. Theologischer Verlag - Zürich 2004. 683
Seiten, Euro 30,00.
Der
Schweizer Theologe Karl Barth (1886-1968) zählt als Gegner
des Nationalsozialismus zu den "Vätern der Bekennenden
Kirche". 1935 mußte er die Universität Bonn verlassen
und ging zurück nach Basel.
Der Theologische Verlag gibt im Rahmen eines Gesamtwerks die Briefe
Karl Barths heraus. Hier soll auf die Briefe des verhängnisvollen
Jahres 1933 hingewiesen werden. 1933 war ein Jahr der Entscheidungen
auch für Karl Barth. Er lehnte z.B. mit detaillierter Begründung
den ihm angesonnenen Austritt aus der SPD ab und unterstützte
Pfarrerkollegen in diesem Sinne. Die kommentierte Brief-Edition
dokumentiert die vielfältigen Kontakte Barths in Deutschland,
über seinen Lehrstuhl in Bonn hinaus. Mit detailliertem Schlagwortregister,
Namensverzeichnis mit biographischen Angaben, Ortsregister und einer
Zeittafel ist der Zugang erleichtert.
Mit Blick auf das Schicksal nichtarischer Christen in der evangelischen
Kirche ist der Briefwechsel Barths mit Elisabeth Schmitz (1893-1977)
von besonderem Interesse. In ihrem Brief vom 18. April 1933 (!)
schildert sie, wie sie in ihrem engsten Freundeskreis "erschütternd
schwer die Folgen der Judenverfolgung" erlebt. Sie stellt die
Frage, ob die Kirche nicht wenigstens die elementare Pflicht hätte,
"sich um ihre eigenen verfolgten Glieder zu kümmern".
"Nimmt sie die Schuld an all den vielen Selbstmorden, die bereits
durch die Verfolgung vorgekommen sind, so leicht? Karl Barth dankt
in seiner Antwort (Brief vom 2. Mai 1933, S. 187), weil er froh
sei um jede deutsche Stimme, die er jetzt solche Worte aussprechen
hört. Er kommt zum Ergebnis, daß er durch seine Arbeit
nach innen mehr erreichen könne, als durch ein öffentliches
Votum.
Die
beispielhaft "aufrechte" Biographie von Elisabeth Schmitz,
die ebenso wie Wilhelm Freiherr von Pechmann früh innerhalb
der evangelischen Kirche die Verantwortung für Juden und evangelische
Christen jüdischer Herkunft einforderte, ist dargestellt im
oben besprochenen Tagungsband der Arnoldshainer Texte Band 130 von
Andreas Pangritz in seinem Vortrag "Die späte Entdeckung
einer Zeugin: Leben und Wirken von Elisabeth Schmitz".
Von
den vielfältigen Kontakten Barths nach München seien hier
sein Briefwechsel mit Wilhelm Freiherr von Pechmann, Albert Lempp
(Inhaber des Chr. Kaiser Verlags) sowie Georg Merz beispielhaft
erwähnt.
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Pro
und Contra:
"Stolpersteine" des Erinnerns und Gedenkens im öffentlichen
Raum.
Wortprotokoll
der Diskussion im Stadtrat vom 16. Juni 2004.
Die
Diskussion über das Projekt der "Stolpersteine" hat
in München zu einem offenen Dissens in der Erinnerungsarbeit
geführt. Gräben haben sich dort aufgetan, wo sonst Gemeinsamkeit
vorhanden war. Konsens und Bündelung der Kräfte sollte
auch mit Blick auf die jüngsten Ereignisse in Dresden angestrebt
werden.
Der
Bezirksausschuß Maxvorstadt hat im Rahmen seiner zeitgeschichtlichen
Erinnerungsarbeit bislang einer Beschlußfassung enthalten.
In der Tat war es bedenklich, ohne die erforderlichen administrativen
Voraussetzungen geschaffen zu haben, "Stolpersteine" zu
verlegen.
Im Rahmen unseres Projekts "Dem Gedenken Namen und Orte geben.
Zum Beispiel Augustenstraße" haben wir versucht, einen
Weg des Konsenses zu finden, um möglichst konkret im Quartier
an das Schicksal unser MitbürgerInnen, die Opfer des Nationalsozialismus
wurden, zu erinnern. Die positive Resonanz dieses Projekts ermutigt
uns, auf diesem Weg weiterzumachen.
Andrerseits
darf nachgefragt werden, mit welcher rechtlicher Grundlage die unmittelbare
Entfernung der "Stolpersteine" durch die Administration
der Stadt zu rechtfertigen ist. In diesem Sinne hat sich unser Gremium
unmittelbar an die Stadt München gewandt und Aufklärung
erbeten. Die Antwort auf diesen förmlichen Antrag steht noch
aus.
Um
die Argumente des Stadtrats und der Stadtspitze bei der Ablehnung
des Stolperstein-Projekts transparent zu machen, publizieren wir
in dieser Ausgabe unseres Informationsblatts "Der Maxvorstädter"
das Wortprotokoll der Vollversammlung des Stadtrats vom 16. Juni
2004.zusammen mit dem Dringlichkeitsantrag Nr. 1704 vom 16.Juni
2004.
Das
Wortprotokoll
ist auch in der Geschäftsstelle des BA 3 erhältlich
und
Stadtverwaltung
BA-Maxvorstadt
Text
als pdf
Ein
NS-Dokumentationszentrum für München
Politische Chronologie
1.
Bayerischer Landtag
26.10.2001
- Antrag der Abgeordneten Dr. Hildegard Kronawitter
"Die Staatsregierung wird gebeten, mit der Stadt München
in Verhandlungen mit dem Ziel einzutreten, im unmittelbaren Umfeld
des Königsplatzes und unter Einbeziehung vorhandener staatlicher
Gebäude aus der NS-Zeit ein ortsbezogenes NS-Dokumentationszentrum
mit Gedenkstätte für bayerische NS-Opfer sowie Personen
des Widerstandes einzurichten. Dem Landtag soll darüber schriftlich
berichtet werden." (Drs. 14/7807)
23.01.2002
- Der Antrag wird im Ausschuss für Hochschule, Forschung und
Kultur behandelt und mit Beschlussempfehlung an den Bayerischen
Landtag überwiesen.
23.03.2002
- Der Bayerische Landtag beschliesst ein "Konzept zur umfassenden
Darstellung der NS-Vergangenheit der Landeshauptstadt München"
"Die
Staatsregierung wird aufgefordert, in Zusammenarbeit mit der Stadt
München und dem Bund unter Einbeziehung der Öffentlichkeit
und aller zuständigen Behörden und Institutionen ein wissenschaftlich
fundiertes Konzept zur umfassenden Darstellung der NS-Vergangenheit
der Landeshauptstadt München, insbesondere ihrer Rolle als
Hauptstadt der Bewegung' und als Ort des Widerstandes, zu
erarbeiten." (Drs. 14/9045)
***
Aus
einem Schreiben von Ministerialdirigent Wolfgang Lazik an den Vorsitzenden
des BA Maxvorstadt, Klaus Bäumler, vom 22. September 2003
"Dem
Bezirksausschuss Maxvorstadt und Ihnen persönlich als dem Vorsitzenden
gebührt für das Engagement bei der Erinnerungsarbeit zur
NS-Vergangenheit der Landeshauptstadt München Dank und Anerkennung.
Mit großem zeitlichen Aufwand, wissenschaftlicher Genauigkeit
und historischem sowie lokalgeschichtlichem Spürsinn ist es
dem BA Maxvorstadt gelungen, Erinnerungs- und Dokumentationsarbeit
über den Nationalsozialismus in München zu leisten und
durch Materialien zu fundieren. Hierfür darf ich Ihnen auch
im Namen von Herrn Ministerpräsident Dr. Stoiber danken."
***
2.
Stadtrat und Stadtverwaltung
14.
Dezember 1988 - Beschluss des Stadtrats
Im Rahmen des Bebauungsplanverfahrens Nr. 1650 (Bereich Brienner
Strasse zwischen Königsplatz und Karolinenplatz) fordert die
Stadt ein "Haus für Zeitgeschichte". Es soll u.a.
die historische Entwicklung des Nationalsozialismus sowie die Zeit
des "Dritten Reiches" dargestellt werden.
19.
Juli 1989 - Beschluss des Stadtrats
Trotz Ablehnung durch den Freistaat Bayern hält die Stadt an
einem "Haus für Zeitgeschichte" fest und beauftrag
den Oberbürgermeister mit dem Freistaat zu verhandeln.
2.
Oktober 1997 - Beschluss des Stadtrats (Kulturausschuss)
Im Stadtmuseum soll eine Dauerausstellung "München 1933-1945"
eingerichtet werden. Damit wird der Beschluss vom 21.05.1996 konkretisiert,
der das Kulturreferat beauftragt hatte, ein Konzept für eine
Gedenkstätte bzw. Dokumentationszentrum zu entwickeln und Vorschläge
für die Realisierung bis Ende 1996 zu erarbeiten. (Antrag Stadtrat
Fricke vom 10.10.1994 Nr. 1832)
16.
Oktober 2001 - Beschluss des Stadtrats (Kulturausschuss)
Das Kulturreferat soll sich an den Freistaat Bayern wenden, um ein
gemeinsames Vorgehen zur Realisierung eines NS-Dokumentationszentrums
/ Königsplatz zu erreichen. Das Kommunalreferat soll nach geeigneten
städtischen Grundstücken suchen. (Anträge Nr. 2208
vom 08.09.2000 der Stadtratsfraktion der Grünen/B'90, Nr. 5469
des BA-Maxvorstadt vom 12.12.2000, Nr. 2390 vom 12.12.2000 des Stadtrats)
3.
Juli 2002 - Beschluss des Stadtrats (Vollversammlung)
Die Stadt erklärt ihre Bereitschaft und ihren Willen, ein Dokumentationszentrum
gemeinsam mit dem Freistaat Bayern zu betreiben und hierfür
eine Drittelfinanzierung (Bund, Land, Kommune) zu übernehmen.
Ein Fachbeirat soll als gemeinsames Gremium von Stadt und Freistaat
konstituiert werden. Ab September 2002 soll ein vorbereitender Arbeitskreis
installiert werden. Der BA-Maxvorstadt soll eingebunden werden.
Das Kultur-Budget wird befristet auf drei Jahre um insgesamt 150.000
Euro (Sach- und Personalkosten) erhöht.
21.
Januar 2003 - Zusammensetzung des Kuratoriums zur Vorbereitung des
NS-Dokumentationszentrums
Oberbürgermeister
Christian Ude trifft die Staatsministerin Monika Hohlmeier zu einem
Gespräch über die Besetzung des Kuratoriums für die
Konzeption des NS-Dokumentationszentrums. Darin wird festgelegt,
dass dem Kuratorium je ein Vertreter des Bundes, des Freistaates
Bayern und der Stadt sowie angesehne Vertreter der großen
Parteien, der drei Religionsgemeinschaften, der Zeitzeugen-Generation,
eine renommierte publizistische Persönlichkeit und ein kooptierter
Sprecher des vom Kuratorium zu bestellenden wissenschaftlichen Beirates
angehören sollen. - Ein weitergehender Vorschlag von Staatsministerin
Hohlmeier eines "dritten Gremiums" wird von der Landeshauptstadt
abgelehnt.
19.
März 2003 - Beschluss des Stadtrats (Vollversammlung)
Es soll ein Kuratorium und ein wissenschaftlicher Beirat installiert
werden. Bauherrn- und Trägerschaft müssen noch offen bleiben.
19.
März 2003 - Beschluss des Stadtrats (Vollversammlung)
Ein begleitendes "Drittes Gremium" (Vorschlag von Staatsministerin
Monika Hohlmeier) wird abgelehnt.
20.
November 2003 - Beschluss des Stadtrats (Vollversammlung)
Bericht über die Verhandlungen mit dem Freistaat Bayern und
die Bestellung einer Gutachtergruppe für die inhaltliche Konzeption.
Ausführungen zur Frage des Raumbedarfs. 1000 qm wären
sehr knapp bemessen. Darlegungen zum Standort (ehem. TU-Gelände,
"Bunkergelände"; südlich der Alten Pinakothek
sowie Bereich des ehem. "Braunen Hauses"). Bei den staatlichen
Planungen für Hochschule für Film und Fernsehen und Ägyptisches
Museum bzw. Alter Chemie soll als Option das NS-Dokumentationszentrum
berücksichtigt werden.
21.
April 2003 - Beschluss des Stadtrats (Vollversammlung)
Die Stadtrat würdigt die beiden Ausarbeitungen der Gutachtergruppe
kritisch. Die Voten Kugelmann, Norbert Frei und Knigge werden nicht
in den städtischen Grundlagenkatalog aufgenommen. Basis für
die inhaltlichen Verhandlungen mit dem Freistaat sollen die Ergebnisse
der Symposien 2001/2002, das Thesenpapier des Initiativkreises,
das Papier zum Gendergedanken (vgl. BA 3 vom 10.02.2003) sowie das
Gutachten Prof. Nerdinger sein.
OB Christian Ude erhält den Auftrag, mit dem Freistaat wegen
Finanzierung und Standort zu verhandeln.
3. BA-Maxvorstadt
11.
Juni 1996 - Antrag zur Aufstellung einer Informationstafel (Nr.
23)
Der BA-Maxvorstadt beantragt die provisorische Informationstafel
von Julian Rosefeldt und Piero Steinle permanent aufzustellen. Die
neue Tafel erläutert in deutscher und englischer Sprach den
Umgriff des NS-Parteizentrums im Umfeld des Königsplatzes.
Sie wurde im Januar 2002 aufgestellt.
17.
September 1996 - Antrag, die Sockel der sog. Ehrentempel in die
Denkmalliste aufzunehmen (Nr. 289)
Das Landesamt für Denkmalpflege ist diesem Antrag, der von
der Stadt München unterstützt wurde, nachgekommen. Die
Anfang der 1990er Jahre diskutierte Überbauung ist damit endgültig
vom Tisch.
17.
September 1996 - Antrag auf Errichtung einer Gedenkstätte bzw.
eines Dokumentationszentrums für NS-Opfer und Widerstandskämpfer
(Nr. 285)
Der BA beantragt im Umfeld des Königsplatzes auf der Grundlage
der Ausstellung "Bürokratie und Kult" eine der "Topographie
des Terrors" in Berlin vergleichbare Einrichtung in München
zu schaffen. Die Trägerschaft sollen die Stadt München,
der Freistaat Bayern und der Bund übernehmen.
Aufgrund dieses Antrags beschliesst der Stadtrat am 2. Oktober 1997,
im Stadtmuseum eine Dauerausstellung "München 1933-1945"
einzurichten. Mitte 2003 wird die Ausstellung "Nationalsozialismus
in München - Chiffren der Erinnerung" eröffnet.
12.Dezember
2000 - Antrag auf Errichtung eines NS-Dokumentationszentrums (Nr.
5469)
"Die Landeshauptstadt München verhandelt mit dem Freistaat
Bayern mit dem Ziel, im unmittelbaren Umfeld des Königsplatzes
unter Einbeziehung vorhandener Gebäude eine Erinnerungsstätte
(Dokumentationszentrum zur Entwicklung des Nationalsozialismus;
Zentrale Gedenkstätte für NS-Opfer und Widerstandskämpfer)
zu schaffen."
12.
Dezember 2000 - Antrag, den Aufstellungsbeschluss für den Bebauungsplan
Nr. 1650 aufzuheben (Nr. 5470)
Die damaligen Planungen des Freistaats für den Bereich beiderseits
der Brienner Straße sind längst überholt. "Bauen
auf kontaminiertem Boden", "Nachdenken statt Bauen"
waren die Schlagworte der Diskussion. Die Stadt soll ein "städtebauliches
Zeichen setzen". Die formelle Behandlung dieses BA-Antrags
steht noch aus (vg. Stadtratsbeschluss vom 03.03.2002).
12.
Dezember 2000 - Antrag zu den Grünflächen beiderseits
der Brienner Strasse (Nr. 5471)
Die staatlichen Grünflächen auf dem Areal der Hochschule
für Musik und Theater (ehem. Führerbau) und des Zentralinstituts
für Kunstgeschichte (ehem. NS-Verwaltungsbau) beiderseits der
Brienner Strasse sollen als Grünanlagen für die Bürger
begehbar und erlebbar gemacht werden. Die Behandlung dieses BA-Antrages
durch die Stadt München steht noch aus.
12.
März 2002 - Antrag auf Einbeziehung des Bezirksausschusses
in die Planung des NS-Dokumentationszentrums mit Stimmrecht (Nr.
7068)
"1. Die Landeshauptstadt trägt dem Landtagsbeschluss vom
23. Januar 2002 auch in Bezug auf den Bezirksausschuss 3 Maxvorstadt
Rechnung.
2. Bei der Entwicklung des Konzepts und der Planung des Dokumentationszentrums
wird der Bezirksausschuss 3 Maxvorstadt formal und inhaltlich im
einschlägigen Gremium (Kuratorium, Beirat o.ä.) durch
eine Vertretung mit Stimmrecht eingebunden."
10.
Februar 2003 - Stellungnahme des Bezirksausschusses zum NS-Dokumentationszentrum
"Basierend auf den Ergebnissen des Symposions (5.-7.12.2002/16.-17.01.2003)
spricht sich der BA Maxvorstadt für eine "Große
Lösung" des NS-Dokumentationszentrums (Beschluss Stadtrat
18.12.2002) aus. Die Einrichtung sog. "Geschichtspfade"
stellt für sich allein keine Alternative dar. (
) Anzustreben
ist (
) eine Situierung auf dem ehem. Süd-Ost-Gelände
der Technischen Universität südlich der Gabelsbergerstraße
gegenüber der Alten Pinakothek. Im Zuge der Überplanung
dieses staatlichen Areals für die Hochschule für Film
und Fernsehen sowie für die Ägyptische Sammlung ist in
das Raumprogramm auch das NS-Dokumentationszentrum einzubeziehen."
Berücksichtigung der sog. Geschlechterperspektive in der zeitgeschichtlichen
Erinnerungsarbeit (vgl. Tagung "Macht und Gesellschaft. Männer
und Frauen im Nationalsozialismus.").
11.02.2003
- Antrag auf Beteiligung des Bezirksausschusses am Kuratorium für
die Vorbereitung des NS-Dokumentationszentrums (Nr. 882) und Antrag
von Frau StRin Mechthild von Walter vom 21.02.2003 (Nr. 02-08 /
A 00688)
"Wir bitten, sich dafür einzusetzen, dass dem Bezirksausschuss
Maxvorstadt ein Sitz im Kuratorium eingeräumt wird. Insoweit
verweisen wir auf den Antrag des BA Maxvorstadt vom 19.03.2002,
Nr. 7068."
"Der
Stadtrat möge beschliessen: In dem Kuratorium, das zur Errichtung
eines NS-Dokumentationszentrums am Königsplatz eingerichtet
wird, soll auch der Bezirksausschuss 3 Maxvorstadt mit Sitz und
Stimme vertreten sein."
09.12.2003
- Antrag über Standortfrage für das NS-Dokumentationszentrum
"Die Landeshauptstadt München verhandelt mit dem Freistaat
Bayern unter Einbeziehung des für die sog. Alte Chemie in Aussicht
genommenen Investors über die Situierung des NS-Dokumentationszentrums
im sog. Hörsaaltrakt an der Meiserstraße."
11.11.2003
- Stellungnahme des Bezirksausschusses zur Umnutzung der Alten Chemie
für das NS-Dokumentationszentrum
"In der Umnutzung des sog. Hörsaaltraktes der Alten Chemie
wird eine Chance für die rasche Realisierung des NS-Dokumentationszentrums
München gesehen. Verhandlungen hierzu zwischen Stadt München,
Freistaat Bayern und Investor sollten zeitnah geführt werden,
um diesen Vorschlag auf seine Machbarkeit abzuklopfen'"
***
Aus
einem Schreiben des Alt-Oberbürgermeisters des Stadt München
Dr. Hans-Jochen Vogel an den Vorsitzenden des Bezirksausschusses
Maxvorstadt, Klaus Bäumler, vom 10. Januar 2004:
"(
)
einmal mehr habe ich Anlass, Ihnen meinen Respekt für die Arbeit
Ihres Bezirksausschusses auf dem Gebiet der Auseinandersetzung mit
der jüngeren Zeitgeschichte zu bekunden. Sie leisten hier in
der Tat Beispielhaftes - und zwar auch durch die Art und Weise,
wie Sie bei dieser Auseinandersetzung auf Vorgänge und Entwicklungen
in Ihrem Stadtbezirk Bezug nehmen. (
)"
***
Stand
November 2004:
Weder das Kuratorium noch der Beirat sind berufen. Fragen des Standorts,
der Finanzierung, die Form der Trägerschaft sind offen. Eine
Stadtratsvorlage wird im November erwartet.
Text
als pdf
Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus 2005
60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz
27. Januar 2005
In Form einer Proklamation hat der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus bestimmt (Bulletin der Bundesregierung vom 23. Januar 1996 Nr. 6). Die sowjetische Armee hatte am 27. Januar 1945 das Vernichtungslager Auschwitz erreicht. Der sowjetische Front-Kameramann Alexander Woronzow hat mit seinem Dokumentarfilm ein Zeugnis unsäglichen menschlichen Leids für die Nachwelt überliefert.
Seit 1996 führt der Bezirksausschuß Maxvorstadt, überwiegend mit Kooperationspartnern, jeweils zum 27. Januar Gedenkveranstaltungen durch. Einen ausführlichen Überblick über die Veranstaltungen und die hierzu erschienenen Publikationen enthält unsere Internet-Seite.
1996 erinnerten wir an Schicksale jüdischer Mitbürger in der Maxvorstadt (Alfred und Hedwig Pringsheim, Richard Willstätter, Heinrich Rheinstrom, Karl und Anna Neumeyer).
1997 erfolgte die Benennung einer Platzfläche an der Türkenstraße nach Georg Elser, der am 9. April 1945 im KZ Dachau ermordet wurde.
1998 wurde ein Weg zwischen Ludwigstraße und Kaulbachstraße nach Walter Klingenbeck benannt. Klingenbeck wurde mit 19 Jahren in Stadelheim am 5. August 1943 hingerichtet.
1999 stand mit dem Wittelsbacher Palais, der "Täterort" der ehemaligen Gestapo-Zentrale und des Gestapo-Gefängnisses im Mittelpunkt der zeitgeschichtlichen Erkundung.
2000 führten wir zur Erinnerung an Wilhelm Freiherr von Pechmann zusammen mit der Bayerischen Staatskanzlei eine Gedenkveranstaltung im Prinz-Karl-Palais durch. Aktueller Anlaß war die Benennung eines Wegs an der Ostseite der Königinstraße nach Freiherr von Pechmann.
Die für 2001 geplante Veranstaltung "Wunden der Erinnerung: Oradour sur Glâne" mit der wir als Beitrag zur Europäischen Erinnerungsarbeit an das grauenhafte Massaker der SS-Panzerdivision am 10. Juni 1944 erinnern wollten, konnten wir erst im Januar 2003 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv durchführen. Der Bürgermeister von Oradour-sur-Glâne war aus diesem Anlaß nach München gekommen.
Zum Gedenktag 2002 konnte die Informationstafel an der Brienner Straße neu aufgestellt werden. Sie informiert auch in englischer Sprache über das NS-Macht-und Kultzentrum im Umfeld des Königsplatzes in der Maxvorstadt.
2004 erinnerten wir im Liebig-Hörsaal der alten Chemischen Institute an der Meiserstraße unter dem Leitspruch "Wissenschaft und Zivilcourage" an den Nobelpreisträger Heinrich Wieland.
2005 können wir erstmals mit der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit e.V. München, die sich seit 1948 für Toleranz und Mitmenschlichkeit und Aussöhnung engagiert, diese Gedenkveranstaltung durchführen.
Wir freuen uns sehr, daß Dr. Abi Pitum die beiden Zeitzeugen Pavel Kohn und David Duschmann für das Zeitzeugengespräch gewinnen konnte.
Mit der Regionalgruppe München von "Gegen Vergessen - Für Demokratie e.V.", begründet von Altoberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, besteht seit Jahren eine bewährte Kooperation.
Der Landeshauptstadt München - Direktorium - danken wir besonders für die Überlassung des Großen Sitzungssaal des Rathauses, dem Kulturreferat für die Unterstützung.
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